Darf Training auch mal „unschön“ aussehen? Erkennen, wann Training okay ist – und wann es dem Pferd schadet
- Janine
- vor 4 Tagen
- 6 Min. Lesezeit
Es ist verführerisch, sich hinter Sätzen wie „Wer etwas erreichen will, muss da drüber hinwegschauen“ zu verstecken. Solche Sprüche sollen Stärke und das Gefühl vermitteln, dass derjenige weiß was er da tut - doch oft dienen sie nur dazu, fragwürdige Trainingsmomente zu rechtfertigen. Genau darum geht es in diesem Artikel: um die Frage, wie viel Anstrengung im Pferdetraining sinnvoll ist — und ab wann es unethisch wird.
Vorab: Ich bin absolut dafür, Pferde leistungsfähig zu machen. Leistungsfähigkeit bedeutet Gesundheit, Kraft, Balance und mentale Stabilität. Training ist wichtig und sinnvoll für unsere Pferde, denn die Realität zeigt: es sind zu viele Pferde übergewichtig, unterfordert und leiden an "Bore‑Out". Aber Leistung darf niemals auf Kosten des Pferdes entstehen. Das ist nicht nur traurig, es ist unnötig — und vermeidbar.
Warum „unschön“ nicht automatisch „falsch“ ist — und umgekehrt
Ich bin kein Freund von Trainer‑Bashing. Es bringt niemandem etwas, mit dem Finger auf andere zu zeigen. Aber ich sehe täglich — online wie offline — Trainingsmethoden, die nicht am Wohlergehen des Pferdes orientiert sind. Das Denken in „höher, schneller, weiter“ ist verführerisch. Es erzeugt schnelle, optisch beeindruckende Ergebnisse: spektakuläre Bewegungen, viel "Ausdruck". Doch diese Ergebnisse sind oft brüchig. Sie halten nicht.
Warum?
Weil das Pferd überfordert wurde.
Weil es nicht verstanden hat, was es tun soll.
Weil es Schmerzen hatte und kompensiert hat.
Weil der Körper noch nicht bereit war.
Rückschläge sind dann vorprogrammiert — und am Ende zahlt das Pferd den Preis.
Ein freudig mitarbeitendes Pferd zeigt eine ganze Reihe von feinen, aber klar erkennbaren Signalen. Viele davon sind subtil – und genau deshalb so wertvoll. Sie zeigen, dass das Pferd nicht nur „funktioniert“, sondern wirklich verstanden hat, sich wohlfühlt und aktiv mit dem Menschen kooperiert.
Körperliche Signale
Elastische, schwingende Bewegungen  Das Pferd wirkt locker, bewegt sich fließend und ohne Stocken.
Gleichmäßiger, ruhiger Atem  kein Anhalten des Atems oder übermäßiges Schwitzen bei niedriger Trainingsintensität
Weiche Muskulatur  Der Hals ist nicht hart, der Rücken nicht fest, die Kaumuskulatur entspannt.
Stabile, aber nicht starre Haltung  Das Pferd trägt sich selbst, ohne in sich zusammenzufallen oder sich festzuhalten. Die Kopf-Hals-Position darf sich abhängig von Übung und Gangart anpassen.
Gesichtsausdruck und Mimik
Weiche Augen  Kein angespannter Blick, kein „Glasauge“, keine zusammengekniffenen Lider.
Locker bewegliche Ohren  Die Ohren pendeln zwischen Reiter/Trainer und Umgebung, ohne hektisch zu werden oder in einer Position "einzufrieren"
Entspannte Maulpartie  Leichtes Kauen, lockere Lippen, kein Zähneknirschen oder übermäßiges Schäumen
Regelmäßiges Abschnauben  Ein Zeichen von Entspannung und Stressabbau
Verhalten im Training
Aktive Vorwärtsbereitschaft  Das Pferd geht gern vorwärts, ohne "davon zu laufen" oder zu zögern.
Annehmen von Hilfen  Es reagiert aufmerksam, aber nicht hektisch.
Motivation und Konzentrationsfähigkeit  Das Pferd bleibt bei der Sache, ohne ständig abgelenkt zu sein.
Dialog  Ein Ohr zurück, ein kurzer Blick – das Pferd sucht aktiv Feedback
Bereitschaft, Neues auszuprobieren  Es zeigt Neugier statt Widerstand, wenn neue Aufgaben kommen.
Verhalten im Umgang
schnelles Herunterfahren  Das Pferd entspannt sich zügig, schnaubt ab, lässt den Kopf sinken.
Positive Grundstimmung  Es wirkt zufrieden, nicht erschöpft oder gereizt.
Kommt beim nächsten Mal gern wieder  Ein Pferd, das freudig mitarbeitet, wendet sich dem Mensch zu - nicht ab.
Frühe Förderung: sinnvoll, aber nicht grenzenlos
Ich beginne mit der "Arbeit" mit meinen Fohlen ab der ersten Lebenswoche. Nicht, weil ich sie „früh fördern“ oder „früh formen“ will, sondern weil ich ihnen die Welt erklären möchte — kleinschrittig, angepasst, mit Blick auf ihre körperliche und mentale Entwicklung. Frühe, sensible Gewöhnung an alltägliche Dinge wie Halfter, Wasser, Hufbearbeitung und Medical Training ist nichts Verwerfliches. Im Gegenteil: Sie kann späteren Problemen vorbeugen, weil das Pferd lernt, dass der Mensch Sicherheit und keinen Stress bedeutet.
Wenn junge Pferde aber zu früh, zu intensiv oder zu anspruchsvoll trainiert werden, überfordern wir Strukturen, die biologisch noch gar nicht bereit sind. Das führt nicht sofort zu sichtbaren Schäden — aber die Folgen zeigen sich oft mit 5, 6 oder 7 Jahren, also genau dann, wenn das Pferd eigentlich erst in seine Leistungsfähigkeit hineinwachsen sollte.
Aber auch beim älteren Pferd gibt es keinen Freifahrtschein für Abkürzungen im Training: Auch hier haben wir Anpassungsprozesse in den Strukturen, die Zeit brauchen: Sehnen passen sich beispielsweise extrem langsam an Belastung an — deutlich langsamer als Muskulatur. Wenn ein Pferd „stark aussieht“, heißt das nicht, dass seine Sehnen bereit sind.
Pferde in allen Altersklassen brauchen Sicherheit, Wiederholung und klare Strukturen. Zu viel Druck führt früher oder später immer zu Stressverhalten, Abschalten (erlernter Hilflosigkeit), Angst, Aggression oder Abwehr. Diese Pferde gelten dann gerne als „schwierig“, obwohl sie nur überfordert wurden.
Es gibt also klare Grenzen, die wir niemals überschreiten dürfen. Grenzen wie:
chronischer Stress
Überforderung - körperlich wie mental
das Ignorieren körperlicher Signale wie z.B. Übermüdung
das Übergehen von Schmerz
Wissenschaftliche Orientierungshilfen wie die 24 Verhaltensweisen von Dr. Sue Dyson helfen uns, zu unterscheiden, ob ein Pferd lediglich angestrengt ist oder tatsächlich Schmerzen hat. Diese Unterscheidung ist essenziell — denn ein Pferd, das Schmerzen hat, lernt nicht. Es schützt sich.

Wenn du lernen möchtest, Schmerzanzeichen sicher zu erkennen, findest du in meinem kostenlosen Video zur Schmerzerkennung beim Pferd eine gute Einstiegshilfe.
Gute Ausbildung braucht Zeit — und Mut zur Langsamkeit
Pferdeausbildung ist kein Sprint. Sie ist ein langfristiger Prozess, der Geduld und Einfühlungsvermögen verlangt. Allein die Grundausbildung eines jungen Pferdes dauert etwa zwei Jahre. Zwei Jahre, in denen das Pferd:
körperlich reift
Muskulatur aufbaut
Koordination entwickelt
Tragfähigkeit lernt
mentale Stabilität gewinnt
Nicht drei Monate. Nicht ein halbes Jahr. Viele Besitzer gönnen ihrem Pferd diese Zeit nicht — oft aus Unwissenheit, manchmal aus Ungeduld. Der Druck aus dem Turniersport verschärft das Problem oftmals: Reitpferdeprüfungen für Dreijährige, Championate, Jungpferdeklassen mit hohen Anforderungen. All das verleitet dazu, das Pensum zu erhöhen, damit das Pferd „mithalten“ kann. Doch ein junges Pferd ist kein Sportgerät. Es ist ein Lebewesen mit einem Körper, der Zeit braucht, um gesund zu wachsen.
„Wattebäuschchen‑Trainerin“? Gern.
Wer in diesem System nicht mitzieht, wird schnell belächelt. Als „Wendy“. Als „Wattebäuschchen‑Trainerin“. Als Helikopter‑Pferdemutti. Aber weißt du was? Keines meiner angeblich „zu weich“ trainierten Pferde zeigt Stress, Abwehr oder Schmerz beim Reiten. Wenn doch, wird nicht weitergeritten — dann wird Ursachenforschung betrieben.
Und trotzdem — oder gerade deshalb — zeigen sie Leistung. Sie brauchen länger, ja. Aber was sie lernen, bleibt. Es ist stabil, abrufbar, verlässlich. Das Fundament ist tragfähig. Und das ist mehr wert als jeder schnelle, fadenscheinige Erfolg. Bin ich perfekt? Natürlich nicht. Fehler gehören dazu. Unser Job ist nicht, sie zu verstecken, sondern aus ihnen zu lernen.
Woran du einen guten Trainer erkennst
Zwischen all den Kollegen, die im „höher, schneller, weiter“ gefangen sind, gibt es zum Glück viele, die anders arbeiten: kleinschrittig, pferdeorientiert, transparent. Wenn du gerade auf Trainersuche bist, achte auf Folgendes:
Wie wird trainiert?
Wie geht der Trainer mit dem Pferd um?
Reagiert er auf Tagesform, körperliche Befunde oder mentale Themen?
Gibt es einen individuellen Trainingsaufbau oder läuft jede Einheit nach Schema F?
Wie wirken die Pferde im Training?
Zeigen sie Schmerzanzeichen nach dem Ethogramm von Sue Dyson?
Werden diese Signale ernst genommen?
Oder wird darüber hinweggeritten, weil „es halt mal sein muss“?
Welche Qualifikationen sind vorhanden?
Ich meine damit nicht nur klassische Trainerscheine. Gute Trainer bilden sich weiter — in Biomechanik, Schmerzverhalten, Lerntheorie, Trainingsphysiologie. Und sie setzen dieses Wissen täglich um.
Im Übrigen hat ein guter Trainer nichts zu verbergen: Ein guter Trainer wird niemals etwas dagegen haben, wenn beim Training seines Pferdes Besitzer oder andere Leute anwesend sind — im Gegenteil. Transparenz ist ein Qualitätsmerkmal. Ein Trainer, der sauber und pferdegerecht arbeitet, hat keinen Grund, etwas zu verbergen. Er möchte, dass der Besitzer versteht, wie und warum bestimmte Übungen gemacht werden, welche Signale das Pferd zeigt und wie Fortschritte entstehen. Anwesenheit schafft Vertrauen, ermöglicht Nachfragen und sorgt dafür, dass Training nicht zu einer Blackbox wird, in der Dinge passieren, die später niemand nachvollziehen kann. Ein wirklich guter Trainer sieht den Besitzer als Teil des Teams und weiß: Nur wenn alle Beteiligten informiert und eingebunden sind, kann das Pferd langfristig profitieren.
Fazit
Leistungssteigerndes Training ist wichtig. Es ist sinnvoll. Es ist notwendig, wenn wir Pferde gesund erhalten und ihnen ein langes, tragfähiges (Reit-)pferdeleben ermöglichen wollen. Aber: Training darf fordern, ohne zu überfordern. Es darf anstrengend sein, ohne weh zu tun. Es darf mal „unschön“ aussehen — aber niemals unethisch. Grenzen sind kein Verzicht. Grenzen sind Schutz: Schutz für Gesundheit, Vertrauen und langfristige Leistungsfähigkeit.

