10 Minuten täglich mit großer Wirkung: Was Balance Pads für den Pferdekörper leisten
Gutes Training muss nicht immer aufwendig sein. Bereits 2 × 5 Minuten täglich reichen aus, um die Stabilität und wichtige Haltemuskulatur deines Pferdes messbar zu verbessern. Wie das funktioniert, welche Muskulatur dabei trainiert wird und worauf du bei der Anwendung von Balance Pads achten solltest, erfährst du in diesem Artikel.
Worauf es beim Muskelaufbau wirklich ankommt

Entscheidend für ein muskulär stabiles Pferd ist nicht nur die nach außen sichtbare, "schöne" Reitpferdemuskulatur, sondern die tieferliegende, stabilisierende Muskulatur, insbesondere im Rumpfbereich.
Die Mm. multifidi (Musculi multifidi) sind vermutlich die wichtigsten "unsichtbaren" Muskeln im Pferderücken. Während Reiter bei Rückenmuskulatur häufig an den langen Rückenmuskel (M. longissimus dorsi) denken, arbeiten die Multifidi tiefer im Pferd direkt an der Wirbelsäule und übernehmen eine völlig andere Aufgabe: Sie bewegen die Wirbelsäule nicht primär, sondern sie stabilisieren sie.
Jeder Schritt eines Pferdes erzeugt Kräfte, die auf die Wirbelsäule wirken. Die Multifidi sorgen dafür, dass sich die einzelnen Wirbel nur so weit bewegen wie gewünscht und nicht gegeneinander "ausweichen". Sie begrenzen unerwünschte Bewegungen und schützen dadurch Wirbelgelenke, Bänder, Bandscheiben-ähnliche Strukturen, Rückenmark und Nervenstrukturen.

Die Multifidi bestehen aus vielen kurzen Muskelbündeln, die jeweils wenige Wirbel miteinander verbinden. Sie verlaufen beidseits entlang der gesamten Wirbelsäule und bilden eine Art tiefes muskuläres Stützsystem: Die großen Rückenmuskeln erzeugen Kraft und Bewegung, die Multifidi kontrollieren die Bewegung und verhindern Instabilität einzelner Wirbelsegmente.
Man kann sich die Funkion der Multifidi vorstellen, wie die der Zeltschnüre eines Zeltes: Die großen Rückenmuskeln sind die Zeltstangen, die Multifidi sind die vielen kleinen Abspannseile. Ohne die Seile steht das Zelt zwar noch, wackelt aber bei jedem Windstoß. Je besser die Abspannungen arbeiten, desto stabiler bleibt das Zelt. Deshalb werden sie auch oft als die "Core-Stabilisatoren" des Pferdes bezeichnet.
Gleichzeitig besitzen die Multifidi eine hohe Dichte an Rezeptoren, die Informationen über die Stellung und Bewegung der Wirbelsäule an das Nervensystem weitergeben. Sie spielen daher auch eine zentrale Rolle für die Propriozeption, also die Wahrnehmung des eigenen Körpers im Raum.
Schwach ausgeprägte Multifidi können zu vielen Problemen beitragen:
instabilem Rücken und "Rückenschmerzen"
fehlende Losgelassenheit
Schwierigkeiten in der Versammlung
Taktprobleme
Besonders spannend: Die Mm. Multifidi gehören zu den ersten Muskeln, die bei Schmerzen oder Schonhaltungen abbauen.
Studien zeigen, dass Pferde mit chronischen Rückenproblemen oder Lahmheiten häufig eine deutlich geringere Muskelmasse der Multifidi aufweisen. Die Atrophie bleibt teilweise sogar bestehen, selbst nachdem die ursprüngliche Ursache behandelt wurde.
Grund genug also, dass wir sie nicht nur im Rehabereich, sondern auch präventiv bei gesunden Pferden versuchen sollten, zu stärken so gut es geht. Und genau hier schließt sich der Kreis zur bereits angeteaserten Balance-Pad-Studie:
Die Studie im Überblick
Forscherinnen und Forscher der University of Georgia untersuchten den Einfluss von Balance Pads auf die Körperstabilität und die tiefe Rückenmuskulatur von Pferden. Sechs Quarter Horses standen dabei über einen Zeitraum von vier Wochen auf vier Balance Pads. Das Protokoll war denkbar einfach und bestand aus 5 Minuten pro Einheit welche 2x täglich durchgeführt wurden. Das Training erfolgte an 5 Tagen pro Woche über 4 Wochen hinweg.
Die Ergebnisse waren bemerkenswert:
Beim Stehen auf den Boards war nach 4 Wochen eine signifikante Abnahme der (Ausgleichs-)bewegung im Vergleich zum Studienbeginn festzustellen.
Zudem konnte mittels Ultraschall eine messbare Zunahme der Querschnittsfläche der mm. multifidi bestätigt werden.
Wer die Studie im Detail nachlesen möchte, findet diese hier.

Es gibt im Übrigen bereits zahlreiche andere Studien zu posturaler Stabilität, Propriozeption, Tiefenmuskulatur und Rückenrehabilitation. Alle zeigen unabhängig voneinander, dass eine gute Stabilität der Wirbelsäule eng mit der Funktion der Multifidi zusammenhängt und dass Veränderungen der Stabilität messbar sind.
Mehrere Untersuchungen haben außerdem gezeigt, dass Pferde mit chronischen Lahmheiten oder Rückenproblemen häufig eine geringere Multifidus-Muskelmasse besitzen. Dadurch erhält die Balance-Pad-Studie zusätzliches Gewicht: Wenn ein Training die Multifidi vergrößert und gleichzeitig die Stabilität verbessert, spricht das für einen echten Trainingseffekt.
Der große Vorteil: Minimaler Zeitaufwand
Die für mich als Trainerin wichtigste und gleichzeitig beruhigende Info ist, dass wirksames Training nicht zwangsläufig mit langen Einheiten verbunden sein muss. Viele Trainingsmethoden scheitern im Alltag daran, dass sie zu zeitintensiv sind. Zehn Minuten pro Tag lassen sich dagegen problemlos in nahezu jeden Stallalltag integrieren:
während des Putzens
beim Warten auf den Hufschmied
während man selbst die Ausrüstung vorbereitet
nach dem Training zum „Cool-down“
an Regentagen in der Stallgasse oder sogar in der Box - auch ohne Reitplatz oder Reithalle
Das Pferd trainiert dabei nicht durch (aktive) Bewegung, sondern durch die vielen kleinen Ausgleichsreaktionen auf dem leicht instabilen Untergrund - du musst aktiv also gar nichts tun, außer dein Pferd auf die Pads zu stellen. Die Mikrobewegungen, die das Pferd automatisch ausführen muss sobald es auf den Boards steht aktivieren die stabilisierenden multifidi und fördern gleichzeitig die Körperwahrnehmung (Propriozeption).
Aus meinem Trainingsplan sind Balance Boards inzwischen kaum mehr weg zu denken, denn kaum eine Trainingsmaßnahme bietet ein vergleichbar günstiges Verhältnis von Zeitaufwand zu körperlichem Nutzen.
Training mit Balance Boards: Darauf darfst du als pferdebesitzer achten
Sicherheit geht vor
Dein Pferd sollte zum Training:
auf ebenem, rutschfestem Untergrund stehen - das kann die Box, die Stallgasse aber auch der Reitplatz sein
ruhig und entspannt sein
ausreichend Platz um sich haben
zu Begin nicht angebunden auf instabilen Unterlagen stehen
Langsam steigern
Viele Pferde reagieren anfangs überrascht auf den ungewohnten Untergrund. Das Gehirn erhält plötzlich deutlich mehr Informationen aus Gelenken, Sehnen und Muskeln. Genau dieser Effekt macht das Training so wertvoll, kann aber anfangs auch fordernd sein.
Übe zunächst nur einzelne Beine auf die Pads zu stellen. Wenn das gut klappt, nimmst du jeweils ein Beinpaar (beide Vorderbeine oder beide Hinterbeine) gleichzeitig. Danach kann man beginnen alle vier Beine gleichzeitig auf Pads zu stellen oder auch diagonal zu arbeiten (vorne links + hinten rechts und umgekehrt).
30-60 Sekunden "Standzeit" genügen anfangs völlig. Du kannst zu Beginn auch mehrere kurze Wiederholungen durchführen bis du bei einer Trainingszeit von insgesamt 5 Minuten pro Einheit angekommen bist.
Stress blockiert den Fortschritt
Den größten Nutzen erzielt das Training, wenn das Pferd ruhig, konzentriert und entspannt auf den Pads steht. Bemerkst du, dass dein Pferd bei der Arbeit mit den Boards hektisch oder unruhig wird oder die Pads sogar meiden möchte,, besteht dein erster Job nicht darin, zwingend 5 Minuten voll zu machen, sondern das Pferd im Umgang mit den Boards zu entspannen. Es kann helfen, es zunächst nur an den Pads schnuppern zu lassen oder auch, sie als Target im Clickertraining zu nutzen und jeden Kontakt damit positiv zu bestätigen. Für manche Pferde ist bereits das Berühren eines Pads in der ersten Einheit ein voller Erfolg. Das ist völlig in Ordnung - in der Regel gibt sich die Skepsis innerhalb der ersten Einheiten und du kannst mit dem eigentlichen Training starten.
Manchmal kann es auch helfen, die Arbeitsumgebung zu verändern - vielleicht ist dein Pferd in der Box entspannter als in der Reithalle oder der Stallgasse?
Achte auf ruhige Atmung, lockere Muskulatur und eine entspannte Mimik - diese Zeichen deuten darauf hin, dass das Nervensystem die Situation verarbeitet und die Muskulatur sinnvoll arbeitet.
Der Grund dafür liegt in der Funktionsweise der Tiefenmuskulatur: Die vielen kleinen Ausgleichsbewegungen, die auf dem instabilen Untergrund entstehen, werden vom Nervensystem verarbeitet und durch die stabilisierende Muskulatur ausgeglichen. Nur wenn das Pferd entspannt ist, kann es diese feinen Bewegungen wahrnehmen und gezielt darauf reagieren. Genau dadurch werden die für die Wirbelsäulenstabilität wichtigen Multifidi und andere Haltungsmuskeln aktiviert. Steht das Pferd hingegen unter Stress, sieht die Situation ganz anders aus. Ein angespanntes Pferd hält den Körper häufig fest, spannt große Muskelgruppen an und schaltet in einen "Sicherheitsmodus". Statt feiner Ausgleichsbewegungen dominieren Abwehr- und Schutzreaktionen. Das Pferd lernt dann lediglich, mit der ungewohnten Situation umzugehen und "auszuhalten", anstatt von den eigentlichen Trainingseffekten zu profitieren.
Hart oder Weich? Pferde- oder HUmanbedarf? Welche Balance Pads sind geeignet?
In der oben genannten Studie wurden SURE FOOT Pads, entwickelt von Wendy Murdoch, verwendet. Ihr bekommt diese in Deutschland zum Beispiel hier im Shop [Unbezahlte Produktnennung. Es besteht keine Kooperation mit dem Hersteller oder Händler].
Wer jetzt beim Preis direkt Panik bekommt, kann beruhigt sein: Es müssen nicht zwangsläufig die teuren Modelle aus der Studie sein. Neben den speziell für Pferde vermarkteten Pads gibt es zahlreiche Alternativen aus dem Humanbereich, die denselben Zweck erfüllen können. Aus meiner eigenen Erfahrung konnte ich bislang keinen relevanten Unterschied zwischen Pferde-Pads und Balance-Pads für Menschen feststellen.

Wichtiger als die Marke ist ohnehin die Funktion. Das Pferd muss tatsächlich in das Material einsinken können, damit die gewünschte Instabilität entsteht und die Muskulatur zum Ausbalancieren angeregt wird.
.Grundsätzlich gilt; Je dicker und weicher die Boards, desto herausfordernder wird es für das Pferd.
Zu Beginn empfehle ich daher - insbesondere bei sehr instabilen oder auch skeptischen Pferden - gerne erstmal eine härtere Variante zu nutzen. Im Laufe des Trainings sollte man aber versuchen, den Härtegrad nach und nach zu verringern, um einen größeren Effekt zu erzielen.
Zu dünne Matten, beispielsweise einfache Turn- oder Fitnessmatten, sind für ein 500 bis 700 kg schweres Pferd dagegen ungeeignet. Sie werden vollständig vom Gewicht des Pferdes zusammengedrückt, sodass der Huf praktisch direkt auf dem Boden steht. In diesem Fall geht der eigentliche Trainingseffekt weitgehend verloren.
Als Faustregel haben sich Pads mit einer Dicke von mindestens 5 cm bewährt. Bei besonders weichen Materialien darf es gerne noch etwas mehr sein. Generell gilt: Je weicher das Pad, desto stärker die Herausforderung für das Gleichgewicht, allerdings entstehen auch schneller Risse oder Druckstellen im Material. Das ist völlig normal und beeinträchtigt die Trainingswirkung in der Regel nicht.
Auch die Größe der Pads spielt eine Rolle. Gerade Einsteigern empfehle ich eher größere Modelle. Dadurch muss der Huf nicht millimetergenau platziert werden und das Pferd lässt sich deutlich entspannter auf die Pads stellen. Für Ponys können größere Pads sogar den Vorteil haben, dass beide Vorderbeine oder beide Hinterbeine gemeinsam auf einem Pad Platz finden. Wähle die Größe daher passend zur Hufgröße und zum Körperbau deines Pferdes.
Ich habe hier eine bezahlbare Alternative verlinkt, die meiner Meinung nach ein sehr gutes Preis-Leistungs-Verhältnis bietet und gleichzeitig eine angenehme Größe hat:
[Hinweis: Bei dem oben aufgeführten Link handelt es sich um einen Affiliate-Link. Wenn du darüber einkaufst, erhalte ich eine kleine Provision. Für dich entstehen keine Mehrkosten.]
Woran erkennt man Fortschritte?
Typische Veränderungen zeigen sich oft nicht direkt auf den Pads, sondern im Alltag:
geschmeidigerer, "fluffigerer" Bewegungsablauf
bessere Selbsthaltung
stabilerere Übergänge und allgemein verbesserte Balance sowohl am Boden als auch unter dem Reiter
weniger Rückenschmerzen, reduzierte Wehrigkeit beim Satteln oder gurten
Aus der Humanmedizin ist bekannt, dass ein gezielter Wiederaufbau des Multifidus die Rückfallrate nach Rückenproblemen reduzieren kann. Für Pferde wird derselbe Mechanismus angenommen.
Worauf wartest du noch?
Das Training mit Balance Boards erfordert weder besondere Vorkenntnisse noch viel zusätzlichen Zeitaufwand. Es lässt sich unkompliziert in den Stallalltag integrieren und bietet eine einfache Möglichkeit, die Balance und Rumpfstabilität deines Pferdes gezielt zu fördern.
Wichtig ist dabei lediglich die Regelmäßigkeit. Wenige Minuten konsequentes Training an mindestens 3 Tagen pro Woche können langfristig viel bewirken. Eine starke Tiefenmuskulatur sieht man vielleicht nicht sofort, aber sie bildet die Grundlage für einen belastbaren Rücken, eine bessere Selbsthaltung und damit langfristige Gesunderhaltung.
Balance Pads sind deshalb weniger ein weiteres Trainingsgerät als vielmehr eine einfache Möglichkeit, den Pferdekörper ganz nebenbei im Stallalltag zu stärken.
Ich wünsche Dir viel Freude beim Ausprobieren!
Reha - Wiederaufbau - Prävention

Ob Rehabilitation nach einer Verletzung, gezielter Muskelaufbau, Prävention oder die Verbesserung von Rittigkeitsthemen: Wirklich nachhaltige Erfolge entstehen durch ein strukturiertes und auf das jeweilige Pferd abgestimmtes Training.
Gemeinsam entwickeln wir einen Trainingsplan, der zu deinem Pferd, euren Zielen und deinen zeitlichen sowie örtlichen Möglichkeiten passt. Du erhältst konkrete Übungen und Trainingsbausteine, die du im Alltag umsetzen kannst und die einen echten Mehrwert für die Gesundheit und Leistungsfähigkeit deines Pferdes bieten.
Die Betreuung ist sowohl vor Ort als auch online per Videoanalyse oder Live-Onlinecoaching möglich. So können wir auch über größere Entfernungen hinweg gezielt an den Themen arbeiten, die dein Pferd aktuell am meisten unterstützen.
📧 Interesse an einer individuellen Betreuung? Dann schicke mir gerne eine unverbindliche Anfrage an hello@equimove-horsetraining.de.
Weiterführende Literatur / Links zu den oben genannten Studien:
Egan, S., Brama, P.A.J., Goulding, C., McKeown, D., Kearney, C.M., & McGrath, D. (2021): The Feasibility of Equine Field-Based Postural Sway Analysis Using a Single Inertial Sensor
Clayton, H.M., Bialski, D.E., Lanovaz, J.L., & Mullineaux, D.R. (2003): Assessment of the Reliability of a Technique to Measure Postural Sway in Horses

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